Als "Master of Suspense" ist der angloamerikanische Filmregisseur Alfred Hitchcock (1899-1980) wohl schon oft vom Publikum und seinen Kritikern bezeichnet worden.
Suspense meint dabei, dass der Zuschauer im Gegensatz zu den handelnden Personen über wesentliche Punkte der Handlung Bescheid weiß und deren Auflösung am Ende entgegen fiebert, so dass die Spannung kontinuierlich bestehen bleibt.
Der Vieldreher (53 Spielfilme) und Liebhaber von CameoAuftritten (35 Mal insgesamt), der sehr oft die Motive Sex, Angst und Schuld in seine Produktionen mit einbaute, war ein besonderer Spezialist darin, mit ungewöhnlichen filmischen Mitteln (wie etwa die Choreographie von Licht und Schatten, orchestrale Toneffekte, "ungewöhnliche" Figuren wie sympathische Schurken und schwache Helden) gegen den geläufigen Zeitgeist zu arbeiten und damit unvergessliche Meisterwerke zu schaffen, die aus der Film-Masse hervorstechen.
"Krimi-Regisseur: ein Mann, der im Dunkeln Gänsehaut verkauft..."
Das Rettungsboot (1944), einer der früheren Filme Hitchcocks, beschreibt die Situation eines durch ein deutsches U-Boot versenktes Schiff im Atlantik während des Zweiten Weltkriegs, dessen Passagiere sich teilweise auf ein Beiboot retten können und schließlich noch einen weiteren, deutschen Schiffbrüchigen auflesen. Die Dramatik besteht aus der willkürlichen Gruppendynamik gegenüber dem unbekannten Deutschen und dessen wahrer Identität, mit der Hitchcock die reale Problematik, dass die Vereinigten Staaten noch nicht in den Kampf gegen das Dritte Reich gezogen waren, aufzeigen wollte (Hitchcock ist als Werbemodel für eine Vorher/Nachher-Diät in einer Tageszeitung zu sehen).
Sein kammerspielartiger Film Bei Anruf Mord (1954), der vorwiegend in EINEM Raum spielt, behandelt Hitchcocks berühmte Überlegung über den "perfekten Mord", indem hier ein gehörnter Ehemann (Ray Milland) versucht, seine Frau (Grace Kelly) umbringen zu lassen, ohne dass er mit der Tat in Verbindung gebracht werden kann (der Regisseur ist auf einem Foto einer Wiedersehensfeier zu erkennen).
In einer seiner wohl berühmtesten und oft kopierten Produktionen,
Das Fenster zum Hof (1954), erzählt der Regisseur die Geschichte eines Fotografen (James Stewart), der wegen eines gebrochenen Beins an einen Rollstuhl gefesselt ist, und so seine aufgezwungene Langeweile und Tatenlosigkeit mit seinem Voyeurismus bzgl. des belebten Innenhofs mit insgesamt 36 Wohnungen auffüllt und dabei einen vermeintlichen Mord bezeugt, den er und seine Frau (Grace Kelly) untersuchen (in der Wohnung links oberhalb zieht Hitchcock eine Wanduhr auf).
"Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist, als Realität..."
Der Attentatsthriller
Der Mann, der zuviel wusste (1956) mit James Stewart und Doris Day (deren Filmsong "Que sera, sera" einen Oscar gewann) beschreibt die Familie McKenna, die durch Bezeugung eines Mordes in Marrakesch, Marokko in einen Anschlagsplan auf eine wichtige Staatsperson in England verstrickt werden und sich dabei alleine helfen müssen (Hitchcock steht auf dem marokkanischen Marktplatz und beobachtet die Artisten unmittelbar vor dem Mord).
Mit Vertigo (1958) konnte Hitchcock erstmals seine, als "Vertigo-Effekt" (die Kamera fährt rückwärts bei gleichzeitigem Zoom) im Filmbereich berühmt gewordene, Technik verwenden, um die Höhenangst der Hauptperson, dem Polizisten "Scottie" (James Stewart) begreifbar zu machen, der in ein kompliziertes Mordkomplott mit Kim Novak gerät, das konsequent seine Schwäche ausnützt, was letztlich in der legendären "Treppenhausszene" mündet (Hitchcock ist als Passant zu sehen).
Zu seinen leichtesten und humorvollsten Arbeiten zählt sicherlich der Spionagefilm
Der unsichtbare Dritte (1959) mit Cary Grant in der Hauptrolle, welcher sich als ahnungsloser Werbefachmann plötzlich von feindlichen Gangstern als auch von der Polizei gejagt sieht, was unter anderem in der ebenfalls legendären "Mais-Szene" geschieht, in der Grant von einem Flugzeug beschossen wird, und darauf fliehen und die Situation final am Mt. Rushmore aufklären muss (Hitchcock verpasst in einer Szene den Bus).
"Zweifellos hat es perfekte Morde gegeben, sonst wüsste man ja etwas von ihnen..."
In seinem berühmtesten und mit am bedeutendsten Horror-Werk
Psycho (1960, laut dem AFI die Nummer 1 unter den 100 besten amerikanischen Thrillern) geht es um den extrem Mutter fixierten Motelbesitzer Norman Bates (Anthony Perkins), der nach dem Mord an einer Diebin (Janet Leigh) von den Angehörigen und den Behörden ermittelnd verfolgt wird. Legendär sind hier die genial geschnittene "Duschszene", in der Leigh kaltblütig erstochen wird, was damals einen weltweiten Skandal auslöste und Bates´im Nachhinein kalter Ausspruch :"Der beste Freund eines Mannes ist seine Mutter" (der Regisseur ist mit Cowboyhut vor einem Büro zu sehen).
Sein erfolgreicher Tier-Horror
Die Vögel (1963) mit Rod Taylor und Tippi Hedren, in dem eine US-amerikanische Kleinstadt am Meer von zahllosen aggressiven Vögeln heimgesucht wird, zeichnet sich durch den besonderen unheimlichen Vogelklang (durch das seltene Instrument Trautonium hergestellte elektronische Klänge) und den genialen Schnitt bei den Angriffsszenen aus (Hitchcock ist mit zwei Hunden an der Leine zu sehen).
jaki, 26.11.07 |