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Free Jazz

Der Free Jazz gehört zu den umstrittensten Ergebnissen musikalischer Entwicklung, die das zwanzigste Jahrhundert aufzuweisen hat. Das liegt vor allem an seiner konsequenten Verweigerung aller Stilmittel, die ihn als Hintergrund-, Unterhaltungs- oder Tanzmusik tauglich erscheinen lassen könnten.

Schon in den vierziger Jahren suchten viele Jazzmusiker nach einer Möglichkeit, sich mittels Improvisation auszudrücken, ohne dabei an einen Rhythmus oder ein Notensystem gebunden zu sein. Beispielhaft hierfür sind Lennie Tristanos 1949 entstandene unter dem Titel “Intuition” bekannte Aufnahmen. Hier finden sich erstmals wichtige Merkmale des Free Jazz: Die Solisten agierten gleichrangig, ohne sich gegenseitig aneinander zu orientieren. Sie spielten weder “miteinander” noch “gegeneinander”. Es entstand ein komplexes, kühl wirkendes und doch spontanes Klanggebilde, dessen Faszination sich aber nicht vielen erschließen konnte. Die Zeit und die Hörgewohnheiten waren noch nicht reif. Allerdings wurden viele europäische und US-amerikanische Musiker zu weitergehenden Experimenten inspiriert.

Während dieser Zeit wuchs in den USA die Unzufriedenheit der schwarzen Bevölkerung, denn das zum öffentlichen Credo erhobene Freiheitsversprechen der Staatsgründer stand in großem Widerspruch zum von der Rassentrennung geprägten Alltag. Viele schwarze Musiker wollten den Verhältnissen mit musikalischen Mitteln den Kampf ansagen. Dafür erschien einigen der Free Jazz wie geschaffen. Zu ihnen zählte der Bassist Charlie Mingus, der seine Aggressionen in Stücke wie “Haitian Fight Song” verpackte. Ebenso wegweisend (thematisch wie stilistisch) war die “We Insist/Freedom Now Suite” des Drummers Max Roach. Den endgültigen Durchbruch (und gleichzeitig die finale Namensfindung) erzielte Ornette Coleman 1960 mit seinem im Oktett eingespielten Album “Free Jazz”. In der Folgezeit entstanden weitere Meisterwerke wie John Coltranes von besonderer Spiritualität und Wärme geprägtes “A Love Supreme” oder Archie Shepps “Attica Blues”, welches den Opfern einer Gefängnisrevolte gewidmet war.

Vor allem die sechziger und siebziger Jahre brachten im hochkreativen Spannungsfeld zwischen intellektuellem “kühlem” und aus dem Bauch heraus kommendem “heißem” Free Jazz eine Fülle hörenswerter Alben hervor, die vollständig zu erkunden eine Lebensaufgabe sein kann.