„Ein Filmregisseur sollte sehr intelligent sein, aber möglichst kein Intellektueller - denn der Intellektuelle ist der Todfeind aller darstellenden Künste.“
(Orson Welles)
Am 30.Oktober 1938 breitete sich langsam Panik unter der Bevölkerung von New York aus, da - wie die Stimme aus dem Radio aufgeregt berichtete - Marsmenschen in dreibeinigen Kampfmaschinen die Welt angriffen und der Untergang der Menschheit nun endgültig bevorstehen würde. Nach einer Stunde konnten die gebannten und zu Angst erstarrten Radiohörer von CBS aber wieder aufatmen, der Spuk war vorbei und der Sprecher meldete sich noch einmal zu Wort: „Ich schrieb das Manuskript, ich führte Regie und ich war der Sprecher. Mein Name ist Orson Welles".
Mit der fiktiven Radio-Reportage über den Angriff der Marsianer - beruhend auf H.G. Wells Science Fiction-Klassiker
Der Krieg der Welten - lieferte der damals 23-jährige Orson Welles seinen ersten Geniestreich ab und erhielt darauf von Hollywood eine "Carte blanche" für ein Filmprojekt seiner Wahl. Als Regisseur, Hauptdarsteller und Coautor in Personalunion lieferte er für RKO schließlich seinen Debütfilm
CITIZEN KANE (1941) ab, doch erwies sich die Geschichte um den amerikanischen Zeitungsmagnaten Charles Foster Kane bei der Uraufführung zunächst als kommerzieller Misserfolg. Erst Jahrzehnte später wurde die Bedeutung von CITIZEN KANE erkannt: Das Meisterwerk, das einen amerikanischen Mythos zum Thema hat, ist längst selbst zu einem Mythos geworden.
Dennoch musste der einst als Wunderkind Hollywoods gefeierte Welles, sich bei allen seinen späteren Filmen den Restriktionen der Produzenten beugen und konnte dementsprechend kaum eine Arbeit voll und ganz nach seinen künstlerischen Ambitionen vollenden. Nach seinem Debütfilm folgte seine Familienchronik
DER GLANZ DES HAUSES AMBERSON (1942), die den unaufhaltsamen Niedergang einer herrschaftlichen Familie porträtiert, die sich am Ende des 19. Jahrhunderts vergeblich den neuen Zeiten entgegenstellt. Dank innovativer Kameraeinstellungen sowie einem exquisiten Sounddesign schuf er erneut einen Klassiker der Filmgeschichte, doch musste sich Welles auch immer wieder größeren Produktionsproblemen geschlagen geben, so wie beispielsweise bei seinen Shakespeare-Verfilmungen MACBETH (1948) und OTHELLO (1952). So hatte MACBETH komplett neu synchronisiert werden müssen und die Arbeiten an OTHELLO zogen sich ganze drei Jahre lang hin.
Mit
DIE SPUR DES FREMDEN (1946) und DIE LADY VON SHANGHAI (1947) wendete er sich dem Film Noir zu, kreierte zwei meisterhafte Klassiker der filmischen Schwarzmalerei und lieferte zugleich mit
IM ZEICHEN DES BÖSEN (1958) den visuellen Höhepunkt sowie die Epitaph des vermeintlichen Genres ab.
1974 enstand seine letzte Regiearbeit
F WIE FÄLSCHUNG, ein ironisches Filmessay über den wahren und den Waren-Wert der Kunst, bei der er auch letztmalig als Regiesseur, Autor und Hauptdarsteller in Personalunion fungierte. Neben seinen genialen filmschöpferischen Arbeiten bewies er auch immer wieder sein Talent als Schauspieler. So brillierte er neben seinen Auftritten in den Historienfilmen
NAPOLEON (1955),
WATERLOO (1970) und
KAMPF UM ROM (1968) ebenso eindrucksvoll in
EIN MANN ZU JEDER JAHRESZEIT (1966),
CATCH 22 (1970) sowie in
DER DRITTE MANN (1949),
MOBY DICK (1956) und
HERR SATAN PERSÖNLICH (1955).