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Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Schriftstellerin Lotte Inden stirbt. Langsam, aber sicher geben ihre Muskeln den Dienst auf, zuletzt auch ihr Herzmuskel. Für die Zeit, die ihr noch bleibt, stellt sie den jungen Max Petzler als \\\"Mädchen für alles\\\" ein. Er soll ihr nicht nur die schwindende Muskelkraft ersetzen, sondern wird auch Archivar ihres geistigen \\\"Erbguts\\\", ihrer Gedanken, Essays, ihres in all den Jahren gesammelten Wissens. Seine Aufgabe ist es, ihre Erinnerungen so zu bündeln und zu ordnen, dass Lotte auch noch im Endstadium ihrer Krankheit darauf zugreifen kann. Mit seiner Hilfe hofft sie, noch ihren letzten, ganz großen Roman fertig stellen zu können.
Max taucht bei seiner Archivarbeit immer tiefer ein in Lottes Gedankenwelt, ist mit jedem Tag faszinierter von der eigensinnigen Frau. Eine zögernde, zarte Liebe, deren Ende schon zu Beginn feststeht, wächst zwischen den beiden. Am Schluss ist Max bereit, den großen Roman auch ohne Lotte, aber in ihrem Sinn fertig zu stellen. \\\"Ich warte im Buch auf dich\\\" sind ihre letzten Worte an ihn.
Lotte Indens Traum, ihre Erinnerungen und Weisheiten in einem großen Roman unterzubringen und so unters Leservolk zu bringen, ist der Autorin Connie Palmen gelungen. Zum einen ist ihr Roman Die Erbschaft eine gelungene Verknüpfung intelligenter Gedanken über Lesen und Schreiben, Liebe und Selbstliebe, Originalität und Inspiration zu einer runden Geschichte. Manche von Palmens Sätzen möchte man sich abschreiben und an die Wand nageln, so klar, klug und richtig sind sie. Zum anderen ist der Amsterdamerin, derzeit der wahrscheinlich erfolgreichste literarische Export der Niederlande, eine bewegende, mit Samthandschuhen geschriebene Liebesgeschichte geglückt. Gehaltvoller Inhalt in gefühlvoller Verpackung -- was will man mehr? --Beate Strobel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Neue Zürcher Zeitung
Balz und Schmalz
«Die Erbschaft»: Connie Palmen pflegt den Genremix
Lotte Inden ist allein zu Haus. Ihr Sekretär und Krankenpfleger hat Ausgang. Da zappt die todkranke Schriftstellerin zum Zeitvertreib durch alle Fernsehkanäle, bis sie an einen Dokumentarfilm über die Balz der Paradiesvögel auf Borneo gerät. Und ihr Leben wird auf den Punkt gebracht. Anstatt sich nämlich mit dem knallbunt strotzenden männlichen Federvieh der Tropen zu identifizieren, entdeckt Lotte Inden ihre Seelenverwandtschaft zu den fliegenden Dschungelweibchen: «Aber das graue Laubenschleierchen! Sein ganzes Leben verwendet es darauf, ein geniales Bauwerk zu schaffen.»
Wie das Laubenschleierchen, so die Lotte. Von Kopf bis Fuss auf Wahrhaftigkeit eingestellt – den Prototyp des Narzissten verachtend, der «unter der gähnenden Leere in seinem eigenen Herzen leidet». Aus dem Fundus ihres Literaturarchivs namens «Erbgut» und dem Rückzug in die kreative Einsamkeit schöpft die sieche Verehrerin von Samuel Beckett und Marguerite Duras Kraft bis zum Abwinken. Dem «dummen Gewettere der Kritiker» trotzt sie mit Inbrunst: «Ich lass mir auf zwei Gebieten von niemandem etwas vorschreiben: auf dem Gebiet, was gut und was schlecht ist in der Liebe, und auf dem Gebiet, was gut und was schlecht ist in meinem Werk. Das ist allein meine Sache.» Moralisch einwandfrei betreibt die Schriftstellerin ihr Engagement gegen Selbstgefälligkeit und Egomanie. Und sagt doch dauernd «ich». Die Bestandsaufnahme dieses fünfzigjährigen Lebens liefert die niederländische Bestsellerautorin Connie Palmen in ihrem Roman «Die Erbschaft».
Nachdem Palmen 1991 mit «Die Gesetze» ein spritziges Début gegeben und zuletzt in dem autobiographisch geprägten Text «I. M.» (1998) den Verlust ihres Geliebten, des Talkmasters Ischa Meijer, lakonisch beklagt hat, leidet das fünfte Buch unter dem Gewicht des schweren Empfindens. Zwar versucht die Autorin wieder, die bewährten Themen von Liebe, Tod und Schreiben in einen luftigen Dreiklang zu verwandeln. Doch zu vorhersehbar entwickelt sie den Plot, zu eindimensional das Personal. Von vornherein steht fest: Lotte Inden wird an einer unheilbaren Muskelkrankheit sterben. Patent, wie sie nun einmal ist, engagiert sie einen Pfleger. Der dreissigjährige Lektor Max Petzler erweist sich als die ideale Besetzung. Er versorgt die Gelähmte nicht nur vorbildlich, sondern ordnet und verwaltet auch ihren literarischen Nachlass. Seine beinahe untertänige Bewunderung prädestiniert ihn darüber hinaus zum letzten Liebhaber der Patientin. Ausserhalb der vorlauten Welt, in der Kritiker und andere Besserwisser den Ton angeben, gehen die Dichterin und ihr getreuer Eckermann eine Symbiose ein. – Im stillen Grachtenhaus und bretonischen Feriendomizil erproben sie das Glück im Winkel. Und auf der Zielgeraden werden endlich alle Wünsche wahr – so schwarzweiss gemalt von Connie Palmen, dass sie ihr Image der gewitzten Virtuosin einer gehobenen Unterhaltungsliteratur empfindlich beschädigt. Wohl unterbricht Palmen den berechenbaren Handlungsstrang durch den Methodenwechsel, welcher auch ihre vorherigen Romane auszeichnet. Ein Genremix aus Erzählung, Zitaten berühmter Autoren, fiktiven Briefen und Lottes belehrenden Allgemeinplätzen plustert den Text auf, ohne ihn allerdings tiefenwirksam anzureichern. Kunst solle wirken wie «ergreifende Balz», wünscht sich Lotte Inden, woraus Max Petzler demütig folgert, dass «Schreiben verführen» bedeuten müsse. Diese Ansprüche ihrer Protagonisten setzt Connie Palmen in der «Erbschaft» nicht um. Stattdessen verdriesst sie den Leser mit Plattitüden, die des brasilianischen Weltenseelsorgers Paulo Coelho würdig sind. «Kein Kind verdient es, misshandelt zu werden», verkündet Lotte Inden pathetisch wie eine Küchenphilosophin. Und weiss genau, wo der Kohldampf wohnt: «Im Herzen der Liebe ist ein Hunger.» So fliegt das graue Laubenschleierchen unermüdlich von Ast zu Ast, will sein geniales Bauwerk vollenden, kommt jedoch über dessen Entwurf nicht hinaus.
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